Meistergitarren im Vergleich

Hat man sich durch fleißiges Üben im Gitarrenspiel soweit verbessert, dass nach der Anschaffung einer Schülergitarre und einer Manufakturgitarre der Kauf einer handgefertigten Meistergitarre ansteht, hat man die Qual der Wahl.

Schaut man sich an, welche Instrumente Gitarresolisten spielen, so stellt man fest, dass fast jeder Solist andere Gitarren spielt und es anders als bei Geigen kaum historische Gitarren gibt. Selbst romantische Gitarren sind meist Nachbauten von Wiener (Stauffer) oder französischen Mirecourt Gitarren (Lacote, Coffe-Goguette). Gitarren von Daniel Friedrich oder Hermann Hauser I. gelten bereits als historische Instrumente, wenn sie 30 bis 50 Jahre alt sind. Die wenigen Gitarren, die von berühmten Geigenbauern wie  Stradivari (Nachbau) oder Guadagnini gebaut wurden, findet man nur noch in Museen und sind nicht mehr spielbar.

Häufig kann man auch nur eine bestimmte Meistergitarre hören oder anspielen (z.B. vom Lehrer) ein echter Vergleich ist damit kaum möglich. Händler, die Gitarren von mehreren renommierten Gitarrenbauern im Lager und zum Anspielen bereit halten sind recht rar (z.B. in Karlsruhe Die Zupfgeige) und haben eventuell auch nicht den Gitarrenbauer im Angebot, dessen Gitarren man gerne mal ausprobieren möchte.

Eine gute Möglichkeit Meistergitarren zu vergleichen bietet sich bei internationalen Gitarrenkursen oder -wettbewerben, die mit einer Gitarren Ausstellung verbunden sind. Beim Internationalen Gitarrenfestival in Nürtingen waren am letzten Wochenende viele renommierte Gitarrenbauer mit ihren Gitarren in der Ausstellung. (Achtung immer am Wochenende in der Mitte der Veranstaltung kommen – unter der Woche müssen die Gitarrenbauer arbeiten!). Damit hat man eine hervorragende Gelegenheit, Meistergitarren anzuspielen oder zuzuhören wenn wirklich gute Gitarristen auf diesen Instrumenten spielen.

Beim Festival in Nürtingen wurde von Achim-Peter Gropius ein direkter Vergleich von Gitarren organisiert. Dabei spielt ein renommierter Solist nacheinander kurze Phrasen auf den verschiedenen Gitarren, sodaß man die Gitarren direkt vergleichen kann. In einem Auswertebogen können die Zuhörer bis zu fünf Punkte für die Merkmale

Transparenz
Ausgewogenheit
Diskant
Mitten
Bässe
Sustain
Projektion (Reichweite – die Kenner z.B. Scott Tennant vom LAGQ sitzen hierfür ganz hinten!))
Klangschönheit

Am Sonntag, dem 2. August, spielte Philippe Villa, der am Abend zuvor ein tolles Konzert mit Musik der Romantik auf seiner Mirecourt Gitarre (Coffe-Goguette von 1835) gegeben hatte, auf sechs Gitarren von vier deutschen und zwei spanischen Gitarrenbauern in der Preisklasse von etwa 3000 (Ahorn) von Hermann Döttlinger bis über 6000 € (Andres Marvi, Sascha Nowak) . Leider wurden die Preise der Gitarren nicht genannt. Man kann aber annehmen, dass die Gitarrenbauer wohl ihre besten Pferde ins Rennen geschickt haben.

Philippe Villa spielte nun kurze typische Phrasen etwa 15 Sekunden auf den Gitarren nacheinander an z.B. Melodie im Diskant, Melodie im Bass, Melodie und Begleitung, Akkorde mit Nachklang, Polyphonie (Bach), schnelles Arpeggio, Klangfarbe (Anschlag am Steg und am Griffbrett) an. Verblüffend war, dass man eigentlich zuerst keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Gitarren hören konnte. Das lag einmal daran, dass sich nur sehr gute Gitarrenbauer dem Test stellten aber sicher auch an Philippe Villa, der offensichtlich auf jeder Gitarre seine Klangvorstellung realisieren kann. Es hat sich aber offensichtlich in der Gitarrenszene ein „ideales“ Klangbild entwickelt, das offensichtlich sowohl die spanischen als auch die deutschen Gitarrenbauer anstreben. Achim-Peter Gropius beschreibt das als „Torres mit Friedrich Einschlag“. Es war auch praktisch nicht gut möglich die Gitarren nach den vorgegebenen Kritierien zu bewerten. Man konnte aber in den verschiedenen Spielsituationen sehr wohl Unterschiede feststellen. Obwohl einige Gitarren etwas Bass lastiger waren, konnte man bei keiner der Gitarren Schwächen im Bass ausmachen. Ebenso war der Diskant bei hohen Melodietönen bei allen Gitarren gut.

Merkbare Unterschiede gab es:

  • Beim Sustain im mittleren Bereich (G Saite) – das kann man gut hören, wenn man z.B. zwei Töne im Quintabstand anschlägt und Ausklingen läßt. Die G-Saite „stirbt“ da manchmal recht    schnell. Auch beim Akkord Anschlag hört man den Effekt deutlich.
  • Bei der Ansprache wenn schnelle Arpeggien gespielt werden – da merkt man, dass manche Gitarren nicht so schnell ansprechen. Allerdings muss man erst einen Spieler finden, der Arpeggien im Tempo von Philippe Villa spielen kann.
  • Bei der Klangfarbe beim Anschlag am Steg (da bleiben manche Gitarren eher stumpf) und beim Anschlag am Griffbrett tut sich manchmal fast nichts mehr wenn man weiter vom Schalloch in Richtung Griffbrett geht.
  • Bei der Ausgewogenheit, wenn z.B. eine Melodie über 3 Oktaven gespielt oder eine Melodie mit Begleitung oder polyphon (Bach) gespielt wird.

Die Projektion und Lautstärke der Gitarren in Sälen ist ohne Messung sehr schwer zu beurteilen. Viele Solisten verwenden aber für Aufnahmen eine andere Gitarre als auf der Bühne, was darauf hinweist, dass ausgewogene, klangschöne  Gitarren nicht unbedingt laut sind.

Nach der Vorführung waren fast allen Zuhörern klar, dass man „seine“ Gitarre eben doch  nicht so einfach finden kann, da jede Gitarre ähnlich wie der Spieler einen eigenen Charakter hat..

Obwohl im Vergleich Meister Gitarren angespielt wurden, kann man die kritischen Kriterien auch bei der Auswahl einer Schüler Gitarre prüfen, vorausgesetzt die Gitarre ist korrekt gebaut.

PS Wer eine gute Meistergitarre etwas günstiger kaufen möchte, sollte bei der Ausstellung mit dem Gitarrenbauer reden. Die Ausstellungmodelle sind oft etwas günstiger zu haben, weil sie ja benutzt wurden. Man weiss dafür aber genau, was für ein Instrument man bekommt. Wer seinem eigenen Urteil nicht so recht gut traut, sollte auf der Ausstellung ein wenig herumlungern und die „Super“ Gitarristen (Solisten und Lehrer) beim Ausprobieren der Gitarre beobachten. Nur mit einer guten Gitarre werden sich die Profis länger abgeben!

Siehe auch: Bach Fuge – 8 Meistergitarren im Vergleich

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