Gitarrenschätzchen vom Dachboden – Weissgerber „Tielke“ Gitarre von 1924

Weissgerber-Tielke-Front

Alte Geigen findet man relativ häufig in Nachlässen. Oft haben sie auch einen Zettel auf dem Stradivari steht und die Erben sich große Hoffnungen auf einen Geldregen machen. Meist kommt die Ernüchterung wenn ein Experte befragt wird dieser verkündet,  daß es sich nur um ein Modell „nach“ Stradivari handelt und der Wert der Geige nicht hoch ist. Trotzdem findet man sehr gute gebaute Instrumente, die mit geborgtem Namen verkauft wurden.

Gitarren, die älter als 80 Jahre sind,  findet man dagegen recht selten in Nachlässen. Diese sind dann meist billig gebaut, lädiert und zum Musizieren nicht mehr geeignet. Häufiger findet man schon Gitarren Lauten (Wandervogel Lauten)  für wenig Geld, die man aber meist reparieren muss. Besonders beliebt war z.B. das Modell Joach.Tielke 1641-1719, das man bei Ebay schon für < 50 € erstehen kann.

Meine Erwartungen waren deshalb nicht besonders hoch als eine Mitspielerin aus dem Gitarrenverein mich bat, mal einen Blick auf eine ältere „Damengitarre“ zu werfen. Positiv war zunächst, dass die kleine Gitarre in einem Originalkoffer aufbewahrt worden war. Die Gitarre lag dann auch im Koffer, wie wenn sie frisch aus dem Laden gekommen wäre. Ungewöhnlich war die Form und der gewölbte Boden aus 11 Spänen ähnlich wie bei einer Laute.

Weissgerber-Tielke-BackEin Blick ins Innere zeigte einen Brandstempel Weissgerber und am Querbalken eine mit Bleistift geschriebene Nummer 25.6./2. Zufällig hatte ich, als ich 2010 meine „Staufer Gitarre“ beim Gitarrenbauer Dietrich in Erlbach abgeholt habe, auch das Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen besucht und dabei eine CD „Die Weißgerber-Gitarren“ gekauft. Christof Hanusch hat darauf Stücke auf 6 verschiedenen Weißgerber Gitarren eingespielt (erhältlich beim Musikinstrumenten Museum Markneukirchen für 15 €) . Darunter ist auch die „Tielke“ Gitarre 1924, Inventar Nummer 5169 mit der Nummer 25.4./6.  Diese Gitarre ist baugleich mit dem Schätzchen vom Dachboden. Weissgerber hat damals dieses Modell für die Freunde alter Musik, inspiriert durch die Barockgitarren von Joachim Tielke, gebaut. Mit neuen Fisoma Saiten aus Erlbach ist die Gitarre vom Dachboden perfekt spielbar so wie sie der Meister Weissgerber eingerichtet hat.

Diese „Tielke“ Gitarre wurde vor 1930 in einem Musikgeschäft in Leipzig von der Besitzerin, einer Lehrerin, die in Leipzig studiert hat, gekauft und offensichtlich nur wenig gespielt. Wie bei der kleinen Form zu erwarten, sind die Bässe wie bei Gitarren aus dem 18. Jahrhundert bei diesem Modell etwas flach. Der Diskant zeigt aber die bei Weissgerber Modellen gerühmte Brillanz und eignet sich besonders für alte Lautenmusik. Weissgerber hat schon damals die Decke mit einem 5er Fächer versehen. Auf der CD sind zwei Stücke von  Luys Milan, die auf der  „Tielke“ Gitarre gespielt werden. Das Musikinstrumenten Museum der Universität Leipzig hat eine goße Sammlung an Weissgerber Gitarren, die hervorragend dokumentiert ist u.a. mit Bauplänen und Klangbeispielen.

Die „Damengitarre“ ist also keine echte „Tielke“ Gitarre aber eine echte „Weissgerber“ Gitarre, die mit ihrer perfekten handwerklichen Verarbeitung sowie Ton und Ansprache ein echtes Kunstwerk ist.

Leider findet man solche Gitarren heute wohl nur noch selten auf dem Dachboden.

Berühmte „Freunde“ der Weissgerber Gitarren:

 

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4 Antworten zu “Gitarrenschätzchen vom Dachboden – Weissgerber „Tielke“ Gitarre von 1924

  1. Pingback: Welche Messwerte zeichnen eine gute Gitarre aus? | Böblingen Gitarre Blog

  2. Hallo glücklicher Finder, herzliche Gratulation zum schönen Dachbodenfund – zweifellos eine echte „Weißgerber“!
    Christof Hanusch

  3. Hallo Miteinander,
    ich bin ein großer Verehrer der Instrumente von Richard Jacob Weissgerber und erstelle – gemeinsam mit meinem Freund Christof Hanusch – ein Verzeichnis möglichst vieler Gitarren von diesem Meister. Beim Stöbern im Internet habe ich gerade diese sehr interessante Neuentdeckung gemacht. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns noch mehr Fotos von diesem Tielke-Modell zukommen lassen könnten, besonders Detailaufnahmen (Kopf vorn/hinten, Steg, Schalloch, Zettel, Zargenkeil, Griffbrett, Zarge usw.) damit wir unsere Dateien weiter vervollkommnen können… Auch wären einige Abmessungen sehr interessant (Mensur, Korpuslänge, Griffbrettbreite am Sattel/am 10. Bund, Gesamtlänge usw.) Für Ihre Bemühungen wären wir Ihnen sehr dankbar!
    Auf den beiden Fotos ist der sehr gute Gesamtzustand des Instruments durchaus erkennbar! Glückwunsch zu diesem „Dachbodenfund“. Weissgerber IST der Stradivari des deutschen Gitarrenbaus!! Das wissen leider noch zu wenige Gitarristen und Gitarrenliebhaber…

    Ein wenig neidisch ob des Fundes grüße ich Sie herzlich!

    Michael Linke, Bautzen

    • Ich stelle gerne die Fotos, die ich habe ins Web. Da gibt es einige schöne Weissgerber Details. Die Abmessungen des Korpus sind weitgehend identisch mit dem „Tielke Modell“ in der Sammlung der Uni Leipzig. Ich vergleiche aber nochmal.Einen Zettel gibt es bei dieser Gitarre leider nicht. Es ist schade, dass man heute eigentlich nur noch „Granada“ Gitarren baut. Offensichtlich haben die jungen Gitarrenbauer noch nie eine Weissgerber gehört um sich von diesem Klangbild begeistern zu lassen. Was nicht ist kann ja noch werden. Viele Grüße nach Bautzen.

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